Samstag, 16. Februar 2013

So klingt das Wochenende: THE RACONTEURS

Liebe Kerstin,

es ist kurz nach Mitternacht. Der Fliesenfußboden ist kalt, vor der Balkontür Schwärze, die Deckenleuchte ist an, aber verstrahlt ein eher schummriges Licht in der Altbauküche. Ich sitze mit nackten Beinen und einer Tasse Tee in der Hand (die Flasche Rotwein ist bereits leer getrunken) auf einem Barhocker, während F. ein Album nach dem anderen aus dem CD-Regal zieht und mir seine Lieblingssongs vorspielt. Ich mag das, sehr sogar. Nicht jedes einzelne Lied, aber dass er sich zeigt. Und wie wir so ganz unterschiedlich, aber gleich begeistert über Musik reden. Er schwärmt für bestimmte Gitarrenriffs, und die Art wie Piano, Gitarren und Drums sich ergänzen. Ich liebe die Stimmung eines Songs, das, was er bei mir auslöst. Begeistere mich für eine Stimme oder eine Textzeile.

Als er das Album der Raconteurs auflegt, sagt er gleich: Song 3, der ist toll! Und ich muss ihm Recht geben. Der hat mich auch sofort! Jack Whites Stimme ist unverkennbar. Dazu ein einprägsamer Klavierteil, ruppige Gitarren, und ein Text, der mich lächeln lässt, weil er irgendwie auch ganz treffend ist für uns beide. Was ist Wahrheit? Gibt es sie überhaupt? Die Sicht auf eine Sache kann bei zwei Menschen sehr unterschiedlich sein. Jeder tickt anders, hat andere Erfahrungen gemacht. Und auch wenn das Wissen darum die Probleme nicht löst, so hilft es doch zumindest bei einem gelasseneren Umgang damit. Jack White scheint mir da jedenfalls ganz optimistisch:

You don't understand me

But if the feeling was right

You might comprehend me

And I don't claim to understand you

But I've been looking around

And I haven't found, anybody like you

Hab ein verständnisvolles Wochenende,

Emmi

THE RACONTEURS – « You don’t Understand Me «



Liebe Emmi,

ich kann die Atmosphäre in F.s Küche förmlich spüren - toll hast du die Stimmung in Worte gepackt. Noch Vieles liegt im Dunklen, aber ihr traut auch und knipst das Deckenlicht an. Ist es nicht immer so am Beginn von Freundschaften und Beziehungen? Man wagt sich aus dem Halbschatten. Man zeigt sich. Man sucht das Vertraute in seinem Gegenüber, versucht, sich zu spiegeln und in ihm wiederzufinden. Und man ist gleichzeitig fasziniert, von dem Fremden, dem Andersartigen, dem Neuen, das da mit einem am Küchentisch sitzt.

Um diese Seiten aneinander zu entdecken, muss man miteinander kommunizieren. Viele reden dazu. Andere haben Sex. Ihr hört Musik. Nicht ausschließlich, hoffe ich. ;-) Musik ist eure Sprache und ich glaube, ihr spricht sie Beide fließend. Ich würde vermutlich einen Dolmetscher benötigen, um euch folgen zu können.

Ob einem dann jeder Ton gefällt, den man vorgespielt bekommt - das spielt keine Rolle. Eure gemeinsame Leidenschaft für Musik ist das Fundament, das trägt. Was ihr dann darauf gemeinsam baut, wird eine bunte Mischung sein aus den Werten, Einstellungen, Erfahrungen und Geschmäckern zweier Personen.

Ein wenig ist es wie mit Kunst. Man muss sie nicht verstehen, damit sie einen berührt. Ganz im Gegenteil: Oft wirkt sie gerade dann besonders stark, wenn man nicht versucht, sie zu interpretieren, sondern sie einfach nur auf sich wirken lässt.

Würde ich mir eine Liebe backen, würde ich den Teig mit einem Esslöffel Vertrautheit und eine großen Dosis Fremdheit abschmecken. Dann hat der Kuchen einen runden, vollen Geschmack.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und noch viele solche Abende unter der Deckenleuchte in der Altbauküche. Und wenn das Licht dann doch ab und an in den Augen weh tut, gönnt euch eine Pause und zündet mal eine Kerze an.

Liebe Grüße

Kerstin

PS: Eigentlich hat F. ja den Song ausgesucht, oder? Willkommen auf dem Genussgipfel. Dein Musikgeschmack ist mir noch etwas fremd, aber ich mag den Text und deine Küche. Und ganz besonders mag ich, wenn Emmi so beflügelte Texte schreibt. Danke und bitte weiter so. ;-)



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